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CHINA

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Im Juni 97' bekam ich einen Brief aus China , mit
der Anfrage dort für einige Zeit Devil-stick zu unterrichten.
Die Aussicht darauf ein neues Land kennen zu lernen und die
Möglichkeit etwas hinter die Kulissen der sonst eher verschlossenen
Chinesen zu schauen, ließen mich nicht lange zögern, und so
nahm ich das Angebot an. Nach einigen Verhandlungen per Fax
konnten wir uns auf einen
9 wöchigen Aufenthalt und eine tägliche Unterrichtszeit
von 1,5 Stunden einigen. Genauere Informationen über meine
Arbeit dort, die Schule oder Einreisebestimmungen waren allerdings
nicht zu bekommen, was , wie ich später erfuhr, an den staatlichen
Strukturen liegt, denen alle Schulen in China unterliegen.
3 Tage vor Abflug bekam ich dann auch das Flugticket
und so ließ ich mich von den Ereignissen überraschen .
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Die
Stadt in die ich eingeladen wurde heißt Kunming. Sie beherbergt
eine der 5 staatlichen Schulen in China und liegt ganz im
Süden des Landes auf ca.1800 m, man nennt sie auch die Stadt
des ewigen Frühlings, was auch meistens zutrifft, nur ein
2 wöchiger Regen trübte etwas das Bild des ewigen Frühlings.
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Ich wurde sehr freundlich Empfangen und bestens
untergebracht. Eine erste Besichtigung der Schule brachte
mich zum Staunen. Zur Ausstattung gehören 3 große und hohe
Trainingshallen, einige Abstellkammern, 2 Werkstätten für
Holz und Metall, Büros, Küchen,
Mensa, Krankenzimmer, Fahrzeuge, einen Musiker, Maler,
Pförtner, Elektriker, Köche, Chauffeur, Bosse, Direktoren,
...und natürlich Wohnungen, in denen alle untergebracht sind.
Insgesamt gibt es ca 120 Schüler an der Schule die damit eine
mittlere Größe erreicht. |
Durch die vielen Internationalen Preise
konnte sich die Schule jedoch einen sehr guten Ruf aufbauen.
Diesen Ruf hat sie in erster Linie Miss LI XI NING zu verdanken.
Sie ist die oberste Chefin die meinen Aufenthalt überhaupt
erst möglich gemacht hat. Sie ist es auch die die Ideen für
die Nummern hat ,welche auf dem Festival in Paris jährlich
ihre Goldmedaille abholen und sie steckt auch hinter den Nummern
die bei Andre Heller im Chinesischen Nationalzirkus zu sehen
sind. Zudem organisiert sie noch einige große Festivals, und
ließ es sich auch nicht nehmen die Inneneinrichtung für meine
Wohnung selbst zusammenzustellen. Ausgestattet mit einer ordentlichen
Portion Autorität und Arbeitseifer setzt Sie Ihre für Chinesische
Verhältnisse sehr
modernen Vorstellungen durch, was im traditionellen China
nicht leicht ist. |
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Am zweiten Tag nach der
Ankunft begann bereits der Unterricht, was mir sehr recht
war denn ich wollte doch nun endlich wissen auf was ich mich
da eingelassen habe . Ca. 15 Leute
im Alter zwischen 15 und 30 Jahren betraten die frisch
renovierte Halle und stellten sich in 2 Reihen auf. Männer
hinten, Frauen vorne. All meine Schüler waren gut ausgebildete
Artisten die schon viel Auftrittserfahrung mitbrachten, die
sie unter anderem bei Andre Heller im Chinesischen Nationalcirkus
und auf Festivals und Touren auf der ganzen Welt sammeln konnten.
Einer der älteren stellte sich vor die Gruppe und sagte irgend
etwas.- Aha jetzt bin wohl ich dran aber mehr als "Hello"
und "nice to see you" wußte ich nicht zu sagen, vor allem
weil ich dachte mich versteht ja sowieso keiner. Später stellte
sich heraus das es wohl doch 2-3 Leute verstanden haben, die
mir dann später auch gedolmetscht haben wenn es mit Händen,
Füßen und ein par Brocken chinesisch nicht mehr weiter ging. |
Zunächst packte ich
die Devil-sticks aus, die ich aus Deutschland mitgebracht
hatte, was dann auch die steife Aufstellung in eine
eher Chaotische verwandelte, und ich konnte schnell
feststellen das wohl noch keiner hier je mit Devil-sticks
gearbeitet hat, und so gab ich eine kleine Kostprobe von dem
was so alles möglich ist. Hierbei kam der Spiraltrick am besten
an und alle wollten gleich den lernen. Ich erklärte , das
dieser Trick erst für später ist, lies mich dann aber doch
breitschlagen am Ende der Stunde einige Vorübungen zu zeigen
.Insgesamt war die erste Stunde sehr erfolgreich und alle
hatten viel Spaß daran, auch Mister Li Yong Xi der Art Direktor
und Mis Li Xi Ning die ebenfalls mit geprobt hatten. |
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Durch das tägliche Training wurden meine Schüler
sehr schnell besser, so das nach 3 Wochen alle die wichtigsten
Grundfiguren beherrschten und ich anfangen konnte Tricks zu
zeigen. Nur wenig später machte ich mich daran mit den talentiertesten
Schülern neue Partrnertricks zu erfinden, die direkt auf die
Gruppe zugeschnitten waren, denn es war klar das in spätestens
2 Jahren eine Gruppen Devil-stick Nummer entstehen soll. Ich
hatte immer viel Spaß beim Training denn es kommt nicht oft
vor das man Gelegenheit hat mit 15 so begabten und konzentrierten
Schülern zu arbeiten, und es waren täglich Fortschritte zu
sehen. |
Warum gerade ein Europäer in China unterrichtet
liegt daran das die Kunst des Devil-stick spielens seit Jahrzehnten
vernachlässigt wurde und es jetzt kaum noch Lehrer dafür gibt.
Zudem versucht die Chefin einen modernen Stiel einzuführen
und das nicht zuletzt weil der sich im Ausland gut vermarkten
läßt. Aber in erster Linie geht es darum die besten Artisten
der Welt zu haben, und das durch Auszeichnungen und Goldmedaillen
bestätigt zu wissen. |
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Die Frage nach dem Geheimnis, wie die chinesischen
Artisten immer wieder solche Höchstleistungen vollbringen
können ist schnell beantwortet. Die Artisten finden optimale
Trainingsbedingungen vor, hinzu kommt die Trainingszeit von
7 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Ein weiterer Punkt ist das
perfekte Umfeld, in dem sich die Artisten nur um ihre Arbeit
kümmern müssen und nicht um so lästige Dinge wie
Bürokram, Essen kochen oder gar Geld verdienen. Auch
der Lebensabend ist durch die staatlichen Gelder gesichert.
Das hat den Vorteil das sich die Artisten mit ca. 30 Jahren
zur Ruhe setzen können oder in einem anderen Beruf untergebracht
werden. |
Der Schularzt
trägt das seine zum Wohlbefinden der Artisten bei.
Jedenfalls tut er sein bestes und kommt an kalten Tagen mit
einem Eimer alter chinesischer Medizin in die Trainingshalle,
und jeder muß einen Becher von der braunen und bitter schmeckenden
Brühe zur Vorsorge gegen Erkältungen trinken. Auf mich wirkte
diese Prozedur ein
wenig wie bei Asterix und Obelix, hatte aber nicht die erhoffte
Wirkung. Vielleicht hätte ich den Becher doch austrinken sollen? |
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Im Alter von ca. 7 Jahren beginnt in China das
Artistenleben, und man kann sagen, je jünger die Artisten
je härter das Training. In den nächsten Jahren werden sie
alles lernen was sie brauchen um später auf einzelne Disziplinen
spezialisiert zu werden. An der Schule bleiben die Artisten
jedoch solange sie auftreten. Das Training ist zwar hart aber
nicht unmenschlich und ich konnte nie beobachten das die Kinder
schlecht behandelt oder gar geschlagen werden. Im Gegenteil
einige der Lehrer werden von den Schülern mit Mutter oder
Vater angesprochen
auch wenn sie es nicht immer wirklich sind. Der Grund hierfür
ist wahrscheinlich der das die Kinder weit weg von Ihren Eltern
aufwachsen und sich bei den Lehrern und anderen Schülern einen
Familienersatz suchen. |
An der Schule in Kunming werden alle traditionellen
artistischen Disziplinen unterrichtet und je nach Bedarf herausgekramt
und bühnenfertig gemacht. Für Frauen ist das Tellerdrehen
obligatorisch und auch die Ausbildung im Chinesischen Tanz,
dazu kommt je nach Talent noch die Spezialisierung auf 1-2
andere Techniken wie z.B. Kontorsion, Kunstrad, Pyramiden
oder Antipodenspiele. Eine Domäne der Männer ist das Ringspringen,
und wenn du schon einmal versucht hast jemanden diese Disziplin
mit den Fingern zu erklären kannst du dir vielleicht vorstellen
das es da leicht zu Zweideutigkeiten kommen kann, was den
Chinesen Humor genau trifft. Die Jongleure, die hier traditionell
mit Badmintonschlägern Jonglieren haben wegen des hohen Trainingsaufwandes
meist keine weiteren Disziplinen. Durch die Grundausbildung
ist es aber kein Problem nach einem Flash auch mal einen Salto
zu springen. Trainiert wird ähnlich wie in Rußland. Die Schüler
lernen zuerst eine makellose
Technik um später 7 oder 9 Schläger in der Luft zu halten.
Auf verspielte Tricks wird weniger Wert gelegt, dafür gehören
bagcrosses mit 5 zum Standardreportoir. |
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Sonntag war zwar kein Ruhetag aber unser Training
wurde auf den Abend gelegt um mir die Gelegenheit zu geben
ein wenig in die Umgebung zu fahren. Die kleinen Trips wurden
von Mr Li Yong Xi organisiert, der mich dann auch begleitete.
Meist ging es zu einer Tempelanlage oder einem der vielen
Parks, die im Gegensatz zur Stadt sehr sauber waren. Dennoch
hat mich das treiben in der Stadt und auf den Märkten mehr
fasziniert. Das ganze endete dann meist in einem
Lokal zum ausgiebigen essen. Wo ich auch schon bei
der Lieblingsbeschäftigung der Chinesen wäre, und um nicht
Seitenweise zu erzählen fasse ich mich kurz und Zitiere ;
Wir Chinesen essen alles was 4 Beine hat, außer Tische. Hinzufügen
möchte ich noch ; was keine Beine hat wird auch gegessen und
wenn es um Potenz oder Gesundheit geht, kennt der schlechte
Geschmack keine Grenzen mehr. Ich bin aber keineswegs verhungert,
im Gegenteil es wird immer doppelt so viel aufgetischt wie
man essen kann.
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Insgesamt
muß ich sagen hat mir der Aufenthalt sehr gut gefallen. Durch
das tägliche Training war ich leider sehr an die Stadt gebunden
und habe nicht viel vom Land gesehen, aber meine Einblicke
in den Alltag der Schule wiegen das wieder auf. Vielleicht
bietet sich ja die Gelegenheit wieder zu unterrichten und
bei der Choreographie mitzuwirken, man stelle sich nur mal
10 Chinesen vor die nicht nur gute
Technick sondern auch eine tolle Choreographie zeigen. |
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